Wir sind zurück. Mit dem Mikrocamper Richtung Balkan gestartet – und früher als geplant wieder zuhause. Nicht in Montenegro. In unserer Mikroarche in Brienz. Die Reise ist vorbei. Und irgendwie auch nicht. Aber der Reihe nach.
Mit dem Mikrocamper Richtung Balkan – der Tag der Wahrheit
Wir wollten schon längst unterwegs ein, wie wir in unseren ersten Berichten erzählt haben. Jetzt war es endlich soweit.
Das Dachzelt war montiert – ich hatte zwar eine klare Idee, wie es um 90 Grad gedreht werden sollte, damit es nach hinten öffnet und wir bei Regen die Hecktüre noch zugänglich hätten. Aber die Umsetzung überforderte mich. Zum Glück fand sich ein Offroad-Bauer, der das präzise so installierte, wie wir es uns vorgestellt hatten. Das Wetter sah gut aus. Die Regenzeit vorbei, warme Tage angekündigt. Reny und ich: enthusiastisch, zuversichtlich, bereit.
Und dann haben wir das Fahrzeug gewogen: Fast 20 Prozent über dem zulässigen Gesamtgewicht.
Das ist nicht knapp daneben. Das ist happig. Und es bedeutete: Wieder ausladen. Wieder priorisieren. Wieder entscheiden, was wirklich mitkommt.
Ich bin von Natur aus ein Perfektionist beim Beladen. Jeden Zentimeter genutzt, jeden Winkel ausgeschöpft, alles sorgfältig verstaut. Was eigentlich eine Stärke ist, wurde uns hier zum Verhängnis – wir hatten schlicht zu perfekt eingepackt.
Also runter vom Auto: der Raketenofen, der schwere Eisentopf, ein 10-Liter-Wassertank, das Thermoinnenzelt, das Vorzelt – das wir ehrlich gesagt ohnehin noch nicht richtig verstanden hatten, die Montageanleitung war wenig hilfreich. Dazu das Reserve-Notebook und die Nikon-Profikamera. Reny hat es nüchtern auf den Punkt gebracht: Nicht weil wir es nicht gebraucht hätten – sondern weil das Gewicht keine andere Wahl liess.

Ab jetzt setzten wir voll auf die Insta360 X5.
Für eine zukünftige Reise steht fest: Das Fahrzeug aufladen lassen. Nicht nur wegen der Polizei – sondern wegen des Fahrzeugs selbst, das wir möglichst lange fahren möchten.
Als die Welt sich gegen uns verschworen zu haben schien
Bevor wir überhaupt losfahren konnten, häuften sich die Pannen.
Der Drucker: defekt. Die Batterie des Elektrozauns: ausgefallen. Ich habe sie notdürftig mit einem Autobatterie-Ladegerät überbrückt, damit der Zaun während unserer Abwesenheit funktioniert. Und dann Vergessen einen Ersatz für den Jimny zu besorgen. Der eigene Kompressor, mit dem wir die Reifen aufpumpen wollten: abgebrochen, kaputt. Ein Ersatz musste unterwegs noch gekauft werden.
Und mittendrin – mitten in der Nacht, kurz vor der Abreise – die Rücken- und Gesässschmerzen.
Ich lag wach und fragte mich ernsthaft: Was sollen jetzt diese Schmerzen? Noch ein Stein, der uns in den Weg gelegt wird? Vielleicht ein Zeichen, dass wir nicht gehen sollen?
Reny erlebte das Ganze eher als Angriff. Ich eher als Prüfung. Wir wollten mit Gott unterwegs sein – und nun schien das Materielle um uns herum Stück für Stück zu zerbröckeln. Aber genau deshalb haben wir es nicht als Warnung gedeutet, sondern als Herausforderung: trotzdem gehen.
Die Diagnose beim Arzt: eine Entzündung des Iliosakralgelenks, die ins Bein ausstrahlte. Zwei Tage kein Schlaf. Ich bin eigentlich kein Freund von allopathischen Mitteln – aber hier war die Kortisonspritze die pragmatische Entscheidung. Eine für sofort, eine auf Reserve für unterwegs.
Es half. Die Schmerzen wurden erträglicher. Nicht weg – aber erträglich.
Und dann fuhren wir mit dem Mikrocamper Richtung Balkan los.

Was wir fast vergessen hätten – und was wir tatsächlich vergessen haben
Long Covid und Vergesslichkeit sind alte Bekannte.
Auf dem Dach des Jimnys, als wir endlich losfuhren: ein Kehrichtsack. Den hatten wir zum Entsorgen hinaufgelegt und schlicht vergessen. Harmlos. Aber symptomatisch.
Denn die Vergesslichkeit zog sich durch die ganze Vorbereitung. Wir hatten keine detaillierte Strassenkarte dabei – dabei waren Reny und ich früher auf Motorradtouren immer mit Karten unterwegs, ganz ohne Navi. Diesmal vergessen. Was das unterwegs bedeutete, wenn das Internet schwächelte und der Schlafplatz noch nicht gefunden war – davon im nächsten Artikel mehr.
Und dann ist da noch Renys Brille. Oder genauer: ihre zwei Brillen. Eine zum Sehen, eine zum Lesen. Und die Frage, die sich auf der ganzen Reise wiederholte: Wo ist jetzt wieder die andere? Das ist teils ADHS, teils die Enge des Mikrocampers – ich hatte alles perfekt verstaut, Reny verstaut es anders, und plötzlich finde ich nichts mehr. Das durften wir unterwegs mehr als einmal ausdiskutieren.
Bergkristalle nach dem Oberalppass
Kurz nach dem Oberalppass – ein ruhiges Plätzchen für die Mittagspause.
Einfaches Essen: Selbst gebackenes Bananenbrot mit Trockenfleisch. Und dazu – natürlich – frisch gesammelte Frauenmantelblätter von der Bergwiese. Ein kleines belegtes Brot, mitten in den Bergen. Mehr braucht es manchmal nicht.
Während Reny das Geschirr in einem Bach abwusch, der die Wiese hinunterplätscherte, entdeckte sie sie: Bergkristalle. Teils offen liegend, teils nur leicht in der Erde vergraben.

Wir haben es als Zeichen gesehen. Ein positives. Nach all den Pannen, dem Gewicht, den Schmerzen – jetzt das.
Wir haben die schönsten eingepackt. Ja, noch mehr Gewicht – ich weiss. Aber manche Dinge darf man mitnehmen. Sie kommen mit nach Brienz, in unsere Mikroarche, in den Waldgarten.
Mitten im Stausee – Lai da Sontga Maria
Dann kam der Lukmanierpass.
Und kurz danach: ein fast leerer Stausee. Der Lai da Sontga Maria.
Wir sahen diese Weite und wurden einfach hineingezogen. Magisch ist das richtige Wort. Wir suchten einen Weg – und fanden ihn. Mit dem Jimny hinein in diesen fast leeren Stausee.
Was uns dann erwartete: Gebirgsketten, blauer Himmel – und darunter dieses sandgraue Nichts. Eine Weite, die man so nicht erwartet. Kein Wasser mehr, nur noch dieser helle, staubige Boden, der im Sonnenlicht glitzerte. Die Steine waren wie pulverisiert – und das ergab einen Glanz über das ganze Feld, als würde der Boden selbst leuchten.
Und wir mitten drin. Mitten im Stausee. Mit dem Jimny.

Nicht unheimlich. Imposant. Diese Kontraste – das Grosse, das Stille, das Unerwartete. Die Bilder sprechen für sich.
Die erste Nacht im Mikrocamper – eine Waldlichtung im Tessin
Dann das Tessin.
Fast eine Stunde lang haben wir nach einem geeigneten Schlafplatz gesucht. Einen kleinen Weg hinaufgefahren – und dann: eine Waldlichtung am Hang. Weite Aussicht. Kein Strassenlärm. Nur Vogelgezwitscher und das leise Rascheln der Natur.
Das Dachzelt aufgeklappt – und was dann passierte, beschreibt Reny so:
«Ich habe das geliebt. Dieses Dachzelt aufmachen können, ringsum Fenster auf jeder Seite, das Rascheln der Tiere hören, die Durchlüftung spüren. Es war für mich Freiheit. Richtig Freiheit. Nicht eingezwängt in einem Raum – sondern mittendrin in der Natur.»
Sie hat auf dieser ganzen Reise im Dachzelt besser geschlafen als zuhause. Durchgeschlafen. Jeden Morgen ausgeruht aufgewacht.
Für mich war es – ehrlich gesagt – schwieriger. Die nächtlichen Schmerzen liessen kaum eine wirklich bequeme Position zu. Aber eines hat mich überrascht: Die zwei bis drei nächtlichen Toilettengänge, die ich zuhause kenne – im Dachzelt waren sie kein Thema. Teils weil man die Leiter schlicht nicht runter will. Aber es ging. Man lernt dazu.
Was wir beide erlebt haben: diese Stille. Diese Verbundenheit mit der Natur, die man zwar auch zuhause kennt – aber draussen unter freiem Himmel noch einmal tiefer spürt. Unbeschreiblich.
Das war unser erster echter Tag mit dem Mikrocamper Richtung Balkan.

Der erste Wildpflanzen-Smoothie unterwegs Richtung Balkan
Am Morgen nach der ersten Nacht – Morgenröte über dem Tessin, Vögel, frische Luft.
Ich war früh draussen mit den Hunden. Und nebenher: sammeln.
Was in den Vitamix kam: Brennnessel, Taubnessel, junge Fichtenspitzen, Löwenzahn, Schafgarbe, Brombeerblätter, Erdbeerblätter, Winterlindenblätter mit ersten Blütenansätzen. Dazu Sonnenblumenkerne, ein grosszügiger Löffel Honig – zuhause nehmen wir Banane, unterwegs gibt es Honig – und ein Schuss Wasser.
Kleiner Zwischenfall: Der Vitamix startete nicht. Kurze Verwirrung. Dann die Erkenntnis: Der 240-Volt-Anschluss der Powerbank war noch nicht eingeschaltet. Kein Strom, kein Mixer. Das vergessen wir nicht mehr.
Dann lief er. Und das Ergebnis: ein sattgrüner Smoothie, direkt aus dem Tessin.
Wer mehr über essbare Wildpflanzen erfahren möchte, findet unsere Pflanzendokumentationen in der Skool-Community – und den ersten Lehrpfad für essbare Wildpflanzen der Schweiz in unserem Waldgarten in Brienz.
Was dieser Morgen bedeutet hat
Stell dir das vor: Du hast wochenlang gekämpft. Gegen Gewicht, Schmerzen, defekte Geräte, Vergesslichkeit und den inneren Zweifel. Und dann sitzt du auf einer Waldlichtung im Tessin, hälst ein Frühstück aus selbst gesammelten Wildpflanzen in den Händen – und der Morgen gehört dir.
Kein Lärm. Keine Liste. Keine Entscheidung, die jetzt getroffen werden müsste.
Nur das.
Das ist einer der Gründe, warum wir losgegangen sind.
Mit dem Mikrocampter Richtung Balkan – Fortsetzung folgt
Mit dem Mikrocamper Richtung Balkan – das war unser Start. Holprig, ehrlich und trotzdem richtig.
Hier waren wir noch zuversichtlich.
Die Reise geht weiter – mit wunderschönen Bildern, aber auch mit weiteren Pleiten, Pech und Pannen. Bis zu dem Moment, an dem wir abbrechen und umkehren mussten.
Was genau passiert ist – das erfährst du im nächsten Artikel und im nächsten Video.
Übrigens: Hier gehts direkt zum Reisevideo. Gerne darfst du dort auch einen Kommentar hinterlassen.
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