Es gibt Tage auf einer Reise, die sich wie ein Geschenk anfühlen. Und es gibt Tage, an denen wir wirklich über die eigene Grenze gingen. Dieser Bericht erzählt von beidem.
Ein Frusttag mit Umwegen brachte uns fast über die eigene Grenze
Der zweite Reisetag begann noch im Bleniotal im Tessin – immer noch Schweiz, immer noch nicht wirklich Balkan. Wir wollten Boden gewinnen. Stattdessen standen wir im Stau, nahmen die nächste Ausfahrt, um Locarno zu umfahren – und verfuhren uns total. Ein Umweg von 70 bis 80 Kilometern.
Die Fahrt durchs Tal war schön. Das Mittagessen auch – obwohl wir kein Wort von der Speisekarte verstanden hatten. Die Sprach-App, die uns hätte helfen sollen, war nie heruntergeladen worden. Wir sind einfach keine Technik-Freaks.
Danach: wieder Autobahn, wieder Stau, wieder Schlaglöcher. Mal die schnellste Route, mal die kürzeste, mal zurück auf die Autobahn. Ein ständiges Hin und Her, das mehr Energie kostete als die Kilometer selbst.
Am Abend dann ein Lichtblick: ein Stellplatz weit abseits, den ich mit den Hunden erkundet hatte. Ruhig, mit Blick auf ein Open-Air-Konzert, das pünktlich um acht Uhr endete. Ein wunderschöner Sonnenuntergang. Kalte Küche – Bananenbrot, Meerrettich-Aufstrich, Trockenfleisch – damit wir die Zeit für die Planung des nächsten Tages nutzen konnten.

Und ein Gebet vor dem Schlafen. Für Kraft, für Gesundheit und für die Menschen, denen wir unterwegs begegnen dürfen.
Bergamo – erste Warnzeichen: Du gehst über die eigene Grenze
In unseren letzten Berichten hast du erfahren, wie klein unsere Energiereserven noch sind. Das zieht sich durch die ganze Reise.
Am dritten Tag besuchten wir Bergamo. Eine wunderschöne Stadt – aber wir parkten, stiegen aus, und merkten erst unterwegs: Wir hatten alles vergessen. Kein Wasser, weder für uns noch für die Hunde. Kein Futter für die Hunde. Keine Kamera.
Wir waren bereits mittags so erschöpft, dass wir an nichts mehr dachten. Alles fühlte sich verschwommen an.
Trotzdem haben wir die Stadt in der grossen Hitze genossen – die Hunde im Schatten geführt, über heisse Wege getragen. Und dank unserem kleinen Garmin-Navi den Weg zurück zum Auto gefunden, ohne uns nochmals zu verlaufen.
Was bleibt: Die Hälfte vergessen wir ohnehin. Das war mehr als ein Warnzeichen, dass wir über die eigene Grenze gehen. Und trotzdem haben wir es ignoriert.
Fliessendes Wasser ohne Strom – und eine Toilette, die wirklich funktioniert
Am nächsten Morgen, kurz nach sechs, ging es zuerst um die Hunde – und dann um etwas, das wir bewusst nicht dem Zufall überlassen: unsere Hygiene unterwegs.
Wir machen nicht einfach in die Wildnis. Das finden wir nicht in Ordnung – und es ist auch der Grund, warum Wildcampen an immer mehr Orten verboten wird: Wenn Menschen Papier und Abfall einfach liegen lassen, zerstören sie genau das, was sie eigentlich geniessen wollen.
Deshalb reisen wir mit einer eigenen Trockentrenntoilette. Das Prinzip ist simpel und genial zugleich: Urin und Feststoffe werden getrennt gesammelt. Den Feststoffen mengen wir noch Hanfspreu bei – ein saugfähiges Naturmaterial, das die Trocknung beschleunigt. Genau diese Trennung sorgt dafür, dass es nicht riecht. Tatsächlich hatten wir während der ganzen Fahrt nie einen unangenehmen Geruch im Auto. Der Urin lässt sich – leicht mit Wasser verdünnt – ideal als Dünger für Pflanzen nutzen. Die festen Hinterlassenschaften kommen in einen kompostierbaren Beutel, zusammen mit schnell auflösendem Toilettenpapier. Beides kann man problemlos vergraben. Es verrottet und wird selbst wieder zu Dünger für die Umgebung.

Für das Wasser nutzen wir ein kleines, mobiles Lavabo – ganz ohne Strom. Eine Handpumpe erzeugt Überdruck im 5-Liter-Frischwassertank, und schon fliesst das Wasser. Das Abwasser sammelt sich in einem separaten 5-Liter-Kanister. Kein Blackout, keine fehlende Infrastruktur kann uns hier etwas anhaben.
Das ist für uns kein Luxus auf Reisen, gerade dann, wenn man über die eigene Grenze geht und der Körper zusätzliche Unterstützung braucht. Es gehört auch zur krisenfit-Grundausstattung – egal ob im Mikrocamper oder zuhause bei einem Stromausfall. Wer mehr über solche Lösungen wissen möchte: In unserer Skool-Community findest du beide Produkte verlinkt, inklusive unserer eigenen Erfahrungen damit – und für einige unserer Produktempfehlungen gibt es dort auch Rabattcodes. Die Schnuppermitgliedschaft ist kostenlos.
Eine Burg und der Duft von zuhause lässt uns die eigene Grenze vergessen
Danach entdeckten wir eine wunderschöne Strecke – und eine Burg: Soave.
Ganze Hauswände voller Jasmin, der die Strassen durchduftete – genau wie zuvor schon in Bergamo. Wir haben zuhause vor unserem Haus ebenfalls einen Jasmin gepflanzt. Wenn wir zurückkommen, wird er wohl in voller Blüte stehen und uns empfangen.

Bei der Burg fanden wir eine Bio-Gelateria. Die haben wir uns redlich verdient.
Spät am Nachmittag ging es weiter, vorbei an blühenden Weinbergen und durch Olivenhaine – ein Baum am anderen. Gleichzeitig die Suche nach einem Schlafplatz für die Nacht. Eigentlich wollten wir um 15 Uhr auf einem neuen Stellplatz eintreffen. Haben wir nicht geschafft – auch weil unsere Ansprüche an einen guten Schlafplatz höher sind als nur «schön und ruhig». Wegen Renys Elektrosensibilität meiden wir bewusst die Nähe von Hochspannungsleitungen und Sendemasten. Das schränkt die Auswahl zusätzlich ein und macht die Suche oft länger, als man denkt.
Während dem Auspacken zeigte ich noch eine kleine Bastelei: Da unser Solarpanel von beiden Seiten Licht aufnehmen kann, habe ich eine reflektierende Rettungsdecke dahinter gelegt – um auch von hinten noch mehr Lichtausbeute zu bekommen. Kleine Tricks, die im Mikrocamper-Alltag den Unterschied machen.
Die dritte Nacht verbrachten wir auf dem Monte Foscarino, mitten in den Rebbergen. Absolute Ruhe, ein Sonnenuntergang, der die Drohne wert war.
Hafer, Maulbeeren – und ein freundlicher Mann im Schutzanzug
Wir befinden uns in der Lombardei – und merken schnell: Die essbaren Wildpflanzen, mit denen wir uns in Mitteleuropa so gut auskennen, sehen hier anders aus. Manches kennen wir einfach nicht.
Aber etwas fanden wir: grünen Hafer, dessen Ähren wir abzupften. Brombeerblätter und ein paar andere bekannte grüne Freunde, die problemlos in den Mixer kommen.

Mitten im Sammeln kam Besuch: ein Mann auf dem Traktor, in vollem Schutzanzug, mit Maske und Schutzbrille – wie bei der grössten Pandemie. Kein Wasser zur Bewässerung, wie wir zuerst dachten. Pestizide. Bereits ab fünf Uhr morgens.
Wir erschraken zuerst. Würde er uns wegjagen? Böse Worte machen?
Stattdessen: Freundlichkeit. Er begann auf der anderen Seite des Feldes zu spritzen, damit wir genug Zeit hatten, abzuräumen und wegzufahren. Verständigt haben wir uns nur mit Händen und Füssen. Diese kleine, unerwartete Freundlichkeit hat uns zusätzlich Mut gemacht – mitten in einer ohnehin anstrengenden Reise.
Kurz darauf entdeckten wir einen riesigen Maulbeerbaum. Schwarze Maulbeeren, die teils schon herunterfielen – ein wunderbarer natürlicher Ersatz für Honig, um einen Smoothie zu süssen. Auch die Blätter sind ein wertvoller Fund: Sie liefern überraschend viel pflanzliches Eiweiss.
Bei der eigentlichen Zubereitung lief es dann allerdings etwas schief: zu viel frischer Ingwer, fast ein ganzer Zeh statt eines kleinen Stücks. Das Resultat brannte im Hals und schmeckte gewöhnungsbedürftig – dafür waren wir danach wohl bestens gegen jeden Parasiten gewappnet. Zumindest im Spass behaupteten wir das.
Auf dem Weg weiter verfuhren wir uns erneut – Richtung Bologna statt Balkan. Aber dieser Irrweg schenkte uns eine wunderschöne, fast menschenleere Strasse dem Fluss entlang, Richtung Adria.
Über die eigene Grenze gegangen – mit einem Beinahe-Unfall
Dann kam der vierte Tag. Und mit ihm der Moment, der uns wirklich erschütterte.
Wegen Schmerzen in der Nacht und der angesammelten Erschöpfung der letzten Tage war ich bereits ab Mittag nicht mehr hundertprozentig fahrtauglich. Ich ging über die eigene Grenze hinaus. Und das mit jedem weiteren Kilometer. Die Achtsamkeit liess nach. Genau dann, auf einer Hauptstrasse bergauf, geschah es: Mein linkes Rad war auf der Mittellinie. Ein entgegenkommender Lastwagen war es ebenfalls – mit seinem linken Rad genauso auf der Mittellinie.
Der Lastwagenfahrer erschrak genauso wie ich. Beide rissen das Lenkrad herum. Der Anhänger des Lastwagens geriet in eine bedrohliche Schieflage. Ich dachte für einen Moment, er könnte kippen.
Ein intensiver Schockmoment. Herzklopfen. Dann: Durchatmen.
Es ist noch einmal gutgegangen. Wir waren nur wenige Zentimeter an einem Crash vorbeigerauscht. Mein Körper war mit Adrenalin durchflutet. Dieser Energieschub war für die letzte Tagesetappe auch wirklich nötig.
Vierte Nacht und die Quittung, wenn man über die eigene Grenze geht
Aber die Erschöpfung danach liess sich nicht mehr verdrängen. Wir fanden einen Stellplatz, abschüssig, mit wunderbarer Aussicht – und fast keiner Kraft mehr, ihn überhaupt herzurichten. Zum Nivellieren nutze ich eigentlich spezielle aufblasbare Keilkissen unter den Rädern. Von den zwei, die wir mitgenommen hatten, war eines bereits undicht – aber das verbliebene reichte. Beim Fahren durchs hohe Gras zum Stellplatz fuhren wir dann mit dem ganzen Unterboden über einen grösseren Fels, den ich im Gras einfach nicht wahrgenommen habe. Das ganze Fahrzeug holperte und ächzte. Nur der Unterbodenschutz verhinderte grösseren Schaden.

Reny sass weinend im Auto. Auch sie war an diesem Tag über die eigene Grenze gegangen. Keine Kraft mehr. Der Akku, den wir tagsüber über die Powerbank hätten vollständig aufladen sollen – unser eigener Fehler, vergessen – reichte abends nicht mehr, um das Zelt aufzublasen. Dabei hatten wir noch den zweiten Kompressor als Plan B. Mit dem hatten wir ja das Keilkissen aufgeblasen. Damit hätte ich mit etwas Basteln das Dachzelt perfekt aufblasen können. Aber diese Gedanken waren wie weggewischt.
Wir hatten nicht einmal mehr die Kraft das Notzelt aufzustellen. Ich ass zwei Eier, mehr ging nicht. Reny ass gar nichts.
Wir hatten uns schlichtweg übernommen. Wir waren beide über die eigene Grenze hinaus gegangen. Und die körperliche Erschöpfung machte sich auch in unserem Gemütszustand bemerkbar.
In diesem Moment dachten wir wirklich ans Aufgeben. Morgen nach Hause fahren. Montenegro war für diese Reise ohnehin schon gestorben – die ursprünglich geplanten sechs Wochen waren durch die Verzögerungen auf drei geschrumpft, und selbst von dem, was wir uns für diese kürzere Zeit vorgenommen hatten, konnten wir nur etwa ein Viertel umsetzen.
Wir waren beide einfach übermüdet. Überlastet. Diese Tage haben uns gezeigt, wie schwierig es ist, mit dieser Ausgangslage nicht über die eigenen Gerenzen zu gehen. Wir mussten uns neu sortieren.
Was ein bisschen Schlaf verändern kann
Am nächsten Morgen war vieles anders.
Reny hatte vollkommen recht: Etwas Erholung tat gut. Die Erkenntnis, Montenegro als Ziel für diese Reise loszulassen, gab uns überraschend viel Luft. Mehr dazu – und wie wir den Mut fanden, doch weiterzufahren, Richtung Slowenien und Koatieon – erzählen wir im nächsten Bericht.
Diese Tage haben uns etwas Wichtiges gelehrt: Gott gibt uns nicht immer das, was wir uns wünschen oder gerne hätten. Er gibt uns das, was wir brauchen für unser Seelenheil. Die Versuchungen der Welt sind nicht ohne – und genau in solchen Momenten der Erschöpfung lernen wir, standhaft zu bleiben. Manchmal muss man dazu über die eigene Grenze gehen, um zu merken, wo sie wirklich ist.
Wir wurden aber immer, wirklich immer, an einen wundervollen, ruhigen Schlafplatz geführt. Dafür sind wir sehr dankbar.
Übrigens: Hier findest du das Video zu diesem Artikel.
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