Wie autark sind wir wirklich?!

Wirklich autark leben klingt nach Freiheit – doch wie autark bist du an einem grauen Wintermorgen tatsächlich? Wir haben ehrlich nachgerechnet: Energie, Wasser, Nahrung, Wärme, Gesundheit – und dazu Kleidung, Schuhe und sogar der Rotwein am Abend. Was dabei über echte Unabhängigkeit herauskam, liest du hier – Bereich für Bereich, ohne Beschönigung.

Der Nachbar hatte recht: So autark sind wir gar nicht

Neulich brachte uns die Post ein Paket. Von der Migros. Und weil der liebe Nachbar genau hinschaut – ja, wir werden beobachtet –, kam der Spruch prompt über den Zaun: «Ihr redet doch dauernd von Autarkie. So autark seid ihr ja gar nicht.»

Und weisst du was? Er hat recht.

Wir kaufen im Ökoladen ein, in dem wir sogar Genossenschafter sind. Wir pressen kein eigenes Olivenöl. Wir haben keine Käserei, keine Salzmanufaktur. Schuhsohlen, Pneus, Benzin – nichts davon stellen wir selbst her. Und die Solarpanels auf dem Dach könnten wir weder bauen noch reparieren.

Also die ehrliche Frage, die wir uns tatsächlich stellen: Wie autark leben wir wirklich? Nicht als Vorwurf, sondern als Kassensturz. Denn wer krisenfit werden will, muss zuerst wissen, wo er steht – und wo nicht.

Übrigens: Wenn du diesen Artikel liest, bist du nicht autark. Wieso, erfährst du später.

Energieautarkie: neun Monate Freiheit – und dann kommt der Winter

Fangen wir dort an, wo wir stark sind. Dank Photovoltaik und einer Speicherbatterie sind wir neun bis zehn Monate im Jahr voll stromautark. Im normalen Alltag läuft alles über die Sonne.

Das ist kein Wunschdenken. Eine Auswertung der HTW Berlin an 730 Haushalten zeigt: Mit Batteriespeicher erreicht ein Solarhaushalt im Mittel 73 Prozent Autarkie. Aber eben nur im Mittel. Denn im Winter reicht die Sonne nicht – bei uns nicht, und in der Studie auch nicht.

Waldgarten Brienz im Winter - wie autark sind wir wirklich?

Zwei Wahrheiten bleiben. Erstens: Würden wir uns einschränken, kämen wir auch durch den Winter. Zweitens: Die Batterie haben wir nicht selbst gebaut. Fällt die Technik aus, ist Schluss – sofort.

Autarkie ist hier kein Zustand, sondern ein Grad. Und dieser Grad hat einen Feind, der Defekt heisst. Was ein längerer Stromausfall konkret bedeutet, haben wir im Beitrag zur Blackout-Vorbereitung durchgespielt.

Wasserautarkie: Wenn der Teich sauberer ist als der Regen

Beim Wasser sind wir gut aufgestellt – besser, als der Bund verlangt. Die offizielle Empfehlung lautet mindestens neun Liter pro Person, gedacht für drei Tage. Wir haben eine Regenwasserzisterne mit 3000 Litern und zusätzlich eine Teichanlage.

Und jetzt kommt das Verblüffende: Wir haben beides im Labor prüfen lassen. Das Teichwasser war sauberer als das gesammelte Regenwasser. Die Natur filtert leiser und besser, als wir ihr zutrauen.

Teichanlage im Waldgarten Brienz - wichtiger Teil für eine wirkliche Autarkie

Trinkbar machen wir es mit einem Wasserfilter. Der läuft allerdings über Strom. Kein Strom, kein Filter? Nicht mit uns. Dann greifen wir zum Handfilter oder kochen das Wasser ab. Holz gibt es genug, Zunder auch, und der Magnesium-Anzünder liegt bereit.

So sieht ein Grad von Autarkie aus, den man wirklich halten kann: nicht eine Lösung, sondern eine zweite und dritte dahinter. Wasser ist Leben – und Redundanz ist gelebtes Vertrauen.

Die ehrliche Liste: Was wir alles nicht selber machen

Jetzt wird es unbequem. Denn zur Wahrheit gehört die lange Liste dessen, was wir eben nicht können.

Kein eigenes Öl. Keine Milch, keine Butter, keinen Käse. Ausser den Hühnern keine tierischen Eiweisse. Nach einem Jahr keine Pellets für den Ofen. Und dann der Alltag, den man leicht vergisst: Kleidung nähen wir nicht, Schuhe fertigen wir nicht, Benzin und Ersatzteile fürs Auto stellen wir nicht her. Sogar der Maschendraht für den neuen Hühnerzaun kommt geliefert, weil uns der Fuchs regelmässig besucht und wir Metall nun mal nicht selbst walzen.

Merkst du, worauf das hinausläuft? Hundert Prozent Autarkie ist eine Illusion. Selbst ein Bunker in der Wildnis wäre nicht autark – irgendwann fehlt ein Ersatzteil.

Die Frage ist darum nie: alles oder nichts. Die Frage ist: Wie hoch ist dein realistischer Grad – und reicht er für das Nötigste? Bei uns lautet die Antwort: fürs Überleben ja, für den gewohnten Komfort nein. Wo Selbstversorgung tatsächlich anfängt, zeigen wir im Beitrag Selbstversorgung leicht gemacht.

Wie weit kommst du ohne Tankstelle?

Ein Bereich, den fast alle vergessen: die Mobilität. Vielleicht denkst du, mit deinem eBike seist du schon fast unabhängig. Doch frag dich ehrlich: Was machst du, wenn es keinen Ersatzakku mehr gibt? Ein eBike ohne Strom ist für den Alltag einfach zu schwer.

eBike ohne Strom. Eine Lösung für ein autarkes Leben.

Auch hier zeigt sich dasselbe Muster wie überall. Die Technik verspricht Freiheit und schafft zugleich eine neue Abhängigkeit – vom Akku, vom Ladestrom, vom Ersatzteil. Ein simples Fahrrad ohne Elektronik bringt dich im Ernstfall weiter als das teuerste Elektrogefährt ohne Saft.

Die Takeaway-Frage ist unbequem, aber gesund: Wie viel von deinem Alltag hängt am Tanken oder Laden? Und was bliebe übrig, wenn beides wegfällt? Wer seine Wege kurz hält, Vorräte klug plant und ein muskelbetriebenes Rad im Schuppen hat, ist beweglicher, als jede Reichweitenangabe verspricht.

Wie autark bist du im Alter und mit Schmerzen?

Hier wird es persönlich. Nach meinem Bandscheibenvorfall – einer Diskushernie – habe ich Schmerzmittel genommen. Hergestellt habe ich sie nicht. Aber wir halten eine kleine Reserve im Haus, und danach habe ich sie einfach wieder aufgefüllt.

So könnten wir auch einen Notfall überbrücken, wenn keine Medikamente mehr zu kaufen sind. Dazu kommt das Wissen um entzündungshemmende Pflanzen. Die Weidenrinde etwa liefert Salicin – den natürlichen Vorläufer des Aspirins. Viele Pflanzen haben antibiotische Eigenschaften. Zum Teil sogar besser als pharmazeutische Präparate. Solches Wissen über Wildpflanzen kann man lernen, bevor man es braucht.

Heilkräuter für Teemischungen - wirklich autark sein in der Gesundheit

Doch die ehrlichste Grenze zeigt der Körper selbst. Den neuen Zaun können wir derzeit nicht montieren – die Kraft reicht schlicht nicht. Und da steht die eigentliche Frage im Raum: Wie autark ist ein Mensch allein, wenn er alt wird oder krank?

Die nüchterne Antwort: kaum. Echte Widerstandskraft braucht Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten – einer schweisst, einer heilt, einer sät, einer betet. Die Amish leben das vor: Käme ein Blackout, würden sie mit weniger Verzicht und Leid bestehen als wir – nicht nur weil sie weniger technikabhängig sind, sondern wegen ihrer Gemeinschaft. Autarkie ist am Ende ein Wir, kein einsames Ich.

Wo wir ganz bewusst Kompromisse eingehen

Jetzt wird es einmal richtig offen. Seit einer Long-Covid-Erkrankung können sich meine Frau und ich pro Tag nur etwa zwei Stunden konzentriert einer Sache widmen. Danach fällt es uns schwer, unsere Gedanken überhaupt in Worte zu fassen. Das ist unsere Grenze, und wir mussten lernen, sie anzunehmen. Naja, ganz ehrlich: Wir sind immer noch dran…

Und dann noch dies, auch wenn es mancher nicht erwartet: Ich betrachte zwar künstliche Intelligenz durchaus kritisch. Trotzdem wäre dieser Artikel samt seinem Autarkie-Check ohne ihre Hilfe als eine Art Ghostwriter nicht zustande gekommen. Merkst du die Ironie? Sogar dieser Text über Autarkie ist nicht autark entstanden. Und du hast den Bildschirm, auf dem du das gerade liest, wohl auch nicht selbst gebaut, oder? Deshalb meinte ich zuvor: «Wenn du diesen Artikel liest, bist du nicht autark.»

Genau das ist der Punkt. Wer ehrlich vorsorgt, kennt seine Kompromisse und steht dazu, statt eine Hochglanz-Fassade zu bauen und zu tun als ob. Radikale Ehrlichkeit über die eigenen Grenzen ist kein Eingeständnis von Schwäche. Sie ist der Anfang jeder echten Stärke – weil man nur dort wachsen kann, wo man hinschaut.

Müssen wir denn jetzt schon autark leben?

Und jetzt der Einwand, der berechtigt ist: Sollen wir deswegen alles aufgeben und wie Asketen im Wald hausen? Sicher nicht.

Wir geniessen abends gern ein Glas Rotwein bei Kerzenlicht. Die Kerzen stellen wir nicht selber her – noch nicht. Und beim Wein wagen wir dieses Jahr den ersten Selbstversuch, in kleiner Menge, ganze fünf Liter. Vielleicht wird er grossartig, vielleicht Essig. Beides ist ein Gewinn, weil wir dabei lernen.

Autark sein heisst auch nicht, als Survival-Experte in der Wildnis überleben zu müssen. Ehrlich gesagt: Auch wir wären dort nach ein paar Wochen am Ende. Darum geht es gar nicht. Es geht um das Hier und Jetzt. Ein altes Wort bringt es auf den Punkt: aus der Vergangenheit lernen, die Zukunft planen – also sich so gut absichern, wie es gerade möglich ist – und in der Gegenwart leben und geniessen.

Ein junge Paar hat Freude an seinem Garten. Autark sein ohne Askese.

Sogar die Bibel weist uns darauf hin: «Freu euch allezeit». (1. Thess 5,16). Denn genau das ist der Punkt. Autarkie ist kein Schwur auf Freudlosigkeit. Sie ist eine Richtung, kein Gefängnis. Wer heute schon jeden Genuss streicht, verwechselt Vorsorge mit Angst – und Angst war noch nie ein guter Baumeister.

«Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss geschehen; aber es ist noch nicht das Ende.“ (Mt 24,6)

Müssen wir also jetzt schon voll autark leben? Nein. Aber wir dürfen heute anfangen, unseren Grad Stück für Stück zu erhöhen – mit Freude statt mit Verkrampfung. Ein Töpfchen Kräuter, ein Sack Vorrat, ein selbst gezogener Wein. So wächst Kompetenz, ohne dass das Leben schal wird.

Der Grad, der zählt: Vertrauen statt Vollkommenheit

Zum Schluss die Ebene, die aller Technik erst Sinn gibt. Wären wir bei einem grossen Blackout am Leiden? Vermutlich weniger als die Menschen in der Grossstadt, aber leiden würden wir. Und trotzdem: Wir würden uns durchboxen. Letztlich mit Gottes Hilfe und Gnade.

Krisenfit werden beginnt nicht im Bunker. Es beginnt mit einem Bewusstsein: Gesundheit ist nicht das höchste Gut. Auch der Tod gehört zum Leben. Es geht nicht darum, mit aller Kraft den Tod abzuwenden, sondern die Lebensqualität bis dahin zu bewahren. Darüber habe ich bereits im Kapitel «Der Tod ist unausweichlich» im Beitrag über die wENDeZEIT geschrieben.

Wie es kommt, weiss keiner von uns. Das weiss nur Gott allein. Und wer mit ihm unterwegs ist, darf vertrauen, dass er schaut. Angst schwächt. Vertrauen stärkt. Darum ersetzt kein Systemgedanke, kein Auslandskonto und kein zweiter Pass die innere Ruhe.

Und letztlich geht es um mehr als Vorräte und Panels. Es geht um das Seelenheil, das wichtiger ist als das körperliche Heil. Energie, Wasser, Nahrung – all das sind vorletzte Dinge. Sie tragen dich durch die Zeit. Doch was dich durch alle Zeiten trägt, ist die Beziehung zu dem, der grösser ist als jede Krise. Genau das ist der Grad, den keine Batterie speichert und kein Blackout löscht.

Fazit: Wie autark sind wir wirklich?

Sind wir hundert Prozent autark? Nein. Wir sind es nicht – und wir werden es nie sein. Aber könnten wir das Nötigste zum Überleben decken? Zu einem grossen Teil ja. Das machen wir mit unserer Community «Autarkie & Selbstversorgung» vor und zeigen dir, wie das geht.

Wirklich autark leben heisst nicht, den Schalter zwischen Bunker und Ohnmacht zu finden. Es heisst, einen Grad zu erreichen, den du heute anheben kannst – Stück für Stück, ehrlich und ohne Panik.

Darum die Einladung, nicht das Verkaufsversprechen: Mach deinen eigenen Kassensturz. Geh deine Bereiche durch – Energie, Wasser, Nahrung, Wärme, Mobilität, Gesundheit, Gemeinschaft und die innere Haltung. Wo ist dein schwächstes Glied? Genau dort beginnst du. Am schnellsten geht das mit unserem Autarkie-Check – ein ehrlicher Spiegel in ein paar Minuten.

Denn die Krisen kommen. Und krisenfit wird niemand über Nacht, sondern der, der ehrlich hinschaut und Schritt für Schritt handelt. Mit klarem Kopf, festen Händen und einem ruhigen Herzen.

Häufige Fragen zum autark Leben

Kann man in der Schweiz wirklich zu 100 Prozent autark leben?

Praktisch nein. Selbst mit Solaranlage, Zisterne und Garten bleibst du auf Zulieferungen angewiesen – von Ersatzteilen über Kleidung bis Treibstoff. Realistisch ist ein hoher Autarkiegrad im Alltag und eine gesicherte Grundversorgung fürs Überleben. Das Ziel heisst darum nicht Vollkommenheit, sondern ein möglichst hoher, haltbarer Grad.

Wie autark ist ein Haus mit Photovoltaik und Speicher?

Im Jahresmittel rund 73 Prozent, so eine Auswertung der HTW Berlin. Neun bis zehn Monate kann ein Haushalt weitgehend stromautark sein. Im Winter aber reicht die Sonne nicht, und bei einem technischen Defekt ist auch im Sommer sofort Schluss. Ohne Reserve bleibt Stromautarkie darum immer ein Grad, kein Garant.

Wie viel Wasser sollte ich als Notvorrat haben, um wirklich autark zu leben?

Der Bund empfiehlt mindestens neun Liter pro Person für drei Tage – nur zum Trinken und Kochen. Dabei sind noch kein Abwasch und keine Körperpflege. Wer weiter denkt, legt eine grössere Reserve an und hält eine Möglichkeit bereit, Wasser ohne Strom zu filtern oder abzukochen. Redundanz ist beim Wasser keine Übertreibung, sondern gesunder Menschenverstand.

Muss ich sofort komplett autark leben, um vorbereitet zu sein?

Nein, und das solltest du auch nicht. Wer über Nacht auf jeden Genuss verzichtet, verwechselt Vorsorge mit Angst und hält es nicht durch. Klüger ist, den eigenen Autarkiegrad Schritt für Schritt zu erhöhen – ein Vorrat hier, ein Beet dort, eine neue Fertigkeit im Jahr. So bleibst du krisenfit und geniesst trotzdem dein Leben.

Zählt Mobilität auch zur Autarkie?

Ja, und sie wird oft übersehen. Ein eBike wirkt unabhängig, hängt aber am Akku und am Ladestrom – ohne Ersatzakku steht es still. Ein einfaches Fahrrad, kurze Alltagswege und ein Vorrat, der Fahrten erspart, machen dich krisenfester als jede elektrische Reichweite. Mobilität heisst nicht Höchstgeschwindigkeit, sondern beweglich bleiben, wenn die Tankstelle leer ist.

Braucht es wirklich eine Gemeinschaft um autark zu leben?

Auf Dauer ja. Ein Einzelner deckt nie alle Fähigkeiten ab – erst recht nicht im Alter oder bei Krankheit. Eine Gruppe mit verschiedenen Talenten – handwerklich, medizinisch, gärtnerisch, geistlich – ist widerstandsfähiger als der einsame Selbstversorger. Autarkie ist am Ende ein Wir.

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